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Wir kommen an diesem Thema nicht vorbei: Viele Tabus und
Unsicherheiten lasten auf diesem Thema, viele Künstlerkarrieren sind daran
gescheitert, diesem Thema müssen wir uns stellen.
Aus meiner Erfahrung mit vielen, vielen Kollegen und
Studenten und Studentinnen weiß ich, dass dieses Problem für die
meisten sehr zentral ist, bei Pianisten meist noch kombiniert mit der Angst
vor dem Blackout, diesem furchtbaren Zustand, in dem wir nicht wissen, wie
es weitergeht. Viele von uns haben das Gefühl, es sei "ihr" Problem, dieses
Problem hätten sie in besonders ausgeprägter Weise. Fast alle haben das
Gefühl, ihnen würde es dabei besonders schlecht gehen. Hier sei sehr laut
festgehalten: Dieses Problem haben alle und alle leiden darunter und alle
empfinden es als sehr belastend!!!
Wichtig ist in dem Zusammenhang, dass wir uns beginnen
damit professionell zu beschäftigen und das heißt in diesem Fall, es
nicht zu verdrängen, sondern ganz im Gegenteil, herauszuholen und von allen
Seiten zu betrachten. Sich beim Auftritt wohl zu fühlen und mit diesen
Ängsten umgehen zu lernen ist außerdem nichts, was in einem Tag geschehen
kann, sondern ein Prozess, der bei der ersten Beschäftigung des Werkes
beginnt. Daher erscheint es mir auch so wichtig, das Kapitel Auftrittsangst
beim Üben anzusieden.
Die erste und wichtigste Art Auftrittsangst zu überwinden
ist GUT ÜBEN. Wovor haben wir eigentlich Angst?
Wir haben Angst, ein Blackout zu haben, wir haben Angst unseren guten Ruf zu
verlieren, wir haben Angst viele Fehler zu machen, all das sind sehr
berechtigte Ängste. Diese können wir daher auch nicht schnell ausschalten.
Unser Weg, unser Prozess ist es, damit umgehen zu lernen und aus der
Erfahrung dann zu wissen, das wir das auch können. |
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Zwei Dinge halten wir also fest:
1., Auftrittsangst ist die normalste Sache der Welt und das hat jede/ jeder
2., Diese zu überwinden bzw. damit umgehen zu lernen ist ein Prozess und
muss in vielen kleinen und konstruktiven Schritten gegangen werden.
Wir müssen bereits am Beginn der Arbeit beim Üben immer
wieder daran denken, wie schlimm das Gefühl ist, wenn man sich auf der Bühne
unsicher fühlt. Und dieses Gefühl ermahnt uns daran gut zu üben und das
heißt vor allem nicht zu schnell und nicht schlampig. Wir müssen Sicherheit
und Ruhe üben, nicht Unsicherheit und Panik. Alle Unsicherheiten und Fehler,
die wir beim Üben machen und damit in unsere Werke einbauen, haben wir dann
auf der Bühne als potentielle Fehler.
Als nächstes machen wir eine gute Vorbereitung auf das
Konzert, wie bereits bei "Vorbereitung auf Konzerte" beschrieben wurde. Dazu
gehört nun auch der psychologische Aspekt der Vorbereitung.
Wir müssen uns der Nervosität und der Angst stellen, wie oben, auch bewusst
machen, wovor wir eigentlich Angst haben. Konkrete Ängste kann man anschauen
und man kann etwas dagegen oder damit tun, allgemeine oder unreflektierte
Ängste werden viel schlimmer empfunden, da wir keinen Zugriff darauf haben.
Die psychologische Vorbereitung führt uns zu einigen grundsätzlichen Fragen:
Warum spielen wir eigentlich? Für wen spielen wir eigentlich? Was erwarten
wir dafür?
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In einer Zeit, in der der Wettbewerb in unserem Geschäft
immer rauer wird, in der wir versuchen immer perfekter zu sein und in der
immer mehr Wettbewerbe und Wettbewerb sind, machen wir oft den Fehler,
perfekt sein zu wollen und besser sein zu wollen, als irgendein anderer
Pianist /eine andere Pianistin. Diese Motivationen sind extrem angstfördernd.
Positive psychologische Motivationen sind:
"Ich möchte heute so gut wie möglich spielen und ich werde um jede Note
Musik kämpfen"
"Ich möchte mein Publikum berühren, ich möchte spüren, wie sie mit meiner
Musik mitgehen"
Sehr negative psychologische Leitsätze sind
"Heute muss es klappen"
"Heute spiel ich perfekt"
"Heute spiel ich besonders gut" usw.
Das, was wir uns vornehmen muss realisierbar und erfüllbar
sein. Heute Abend perfekt zu sein, kann sein oder kann nicht sein, aber
dieser Vorsatz wird meistens nicht halten. Da ja unsere Kritikfähigkeit mit
unserem Können steigt, werden wir nie das Gefühl haben, dass wir perfekt
sind. Wenn wir uns nun vornehmen, perfekt zu sein, dann ist es
vorprogrammiert, es nie erreichen zu können, damit ist aber auch die
Frustration "versagt" zu haben, heißt, die Vorsätze nicht erfüllt zu haben,
vorprogrammiert.
Wenn wir uns hingegen vornehmen, wir kämpfen um jede Note und versuchen die
beste Musik herauszuholen und wir werden kämpfen wie ein Löwe und das beste
versuchen, so ist das ein gutes Programm, das ich auch erreichen kann. Wenn
ich das erreicht habe, dann kann ich auch zufrieden sein und auf diese Art
bewege ich mich in einem positiven Regelkreis.
So machen wir uns Vorsätze für das Konzert, die wir erfüllen können und nach
dem Konzert analysieren wir sofort: In welchem Ausmaß ist das, was ich mir
vorgenommen habe gelungen? Was ist besonders gut gelungen? Darauf kann man
dann sehr stolz sein.
Was ist nicht gelungen? Und, wenn etwas nicht gelungen ist immer die alles
entscheidende Frage:
Warum ist es nicht gelungen? Daraus kommt dann der Lösungsansatz: Das und
das und das möchte ich beim nächsten Mal besser machen. Das was nicht
gelungen ist, können wir dann schon bei der Übearbeit verbessern usw. |
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Wichtig ist es auch, zu reflektieren, wie wir gedacht
haben beim Konzert und was wir gedacht haben beim Konzert. Es wäre
anzunehmen, dass wir immer unsere beste Seite zeigen wollen und alles, was
wir können. Manchmal wollen wir auch zeigen, was wir nicht können (= der Ruf
nach Hilfe).
Alle diese Gedanken müssen wir sehr ernst nehmen und fragen, woher sie
kommen. Wenn ein Blackout passiert ist, dürfen wir das nicht verdrängen,
nicht in die "Ich hab ja immer gewusst, dass ich das nicht kann"- Panik
verfallen.
Nein, wir schauen uns das genau an, bei welcher Stelle ist das passiert und
warum und wie ist das passiert.
Wenn wir dabei bemerken, dass es deshalb war, weil wir an der betreffenden
Stelle sonst immer auf die linke Hand geachtet haben und uns plötzlich
überlegten: "Gehört rechts hier f oder fis? oder welcher Finger kommt
aufs fis"
Dann wissen wir, wir müssen beim Auswendiglernen besser absichern: Wir
müssen uns bewusst machen, wie wir denken und Auswendigspielen und wir
müssen beim Üben beobachten, bei welcher Stelle wir links und bei welcher
Stelle wir rechts dabei sind. Und im Konzert lernen wir die Disziplin,
ebenso zu machen, damit ist diese Fehlerquelle eliminiert.
Wenn ein Blackout oder ein schwerer Fehler war, weil ich
mir dachte: "Jetzt flieg ich sicher gleich raus"
Dann war es negatives Denken, das es verursacht hat, das kommt sehr häufig
vor. In diesem Fall müssen wir sofort lernen Gegenstrategien zu entwickeln,
die da sein können:
Wir bleiben mit den Fingern tief in der Taste, nicht schneller werden, die
Finger weiter bewegen, an die Musik denken, zurück in die Musik einsteigen,
gut atmen usw.
Wir müssen uns vornehmen, diffuse negative Gedanken durch klare Positive zu
ersetzen, dann ist alles wieder in Ordnung.
Wenn wir das Gefühl haben, wir können das Klavier nicht
beherrschen, die Technik ist schlampig, nichts funktioniert, dann versuchen
wir:
Tempo halten oder reduzieren, denn da sind wir meistens schon zu schnell,
obwohl wir noch glauben zu langsam zu sein, die Kontrolle behalten, weiter
wie gewohnt die Hauptstimme mitdenken
usw. usw. usw. Wir müssen sofort negative gedankliche
Konzepte durch positive ersetzen und diffuse durch klare. Und wir müssen
wissen, dass das ein Erfahrungsprozess ist. Niemand kann gut auf der Bühne
von Anfang an spielen. Es immer wieder im kleinen Rahmen tun, so oft wie
möglich, genau analysieren, was gut war und was nicht und sofort daraus
einen Arbeitsauftrag machen und das nächste Mal besser versuchen. usw.
So bekommen wir die Sache Schritt für Schritt in den Griff
und können die positive Anspannung beim Konzert genießen und damit besser
spielen als sonst. |